Das Geschäft mit der Liebe ist ein ziemlich altes, und es wurde dennoch immer wieder neu erfunden. Nur eine Sache blieb immer gleich: das Versprechen vom “Perfect Match”. Apps wie Tinder, Parship und Co. revolutionierten das Online-Dating, weil sie den eigenen Suchradius enorm erweiterten. Doch bei vielen Nutzerinnen und Nutzern trat irgendwann die Ernüchterung ein: müde vom Swipen, überfordert von der Auswahl.

So ist es nicht verwunderlich, dass sich das Dating-Geschäft weiterentwickelt hat. Es wurde beispielsweise durch Bumble feministischer und dank sogenannter Affinity-Apps wie Even und Zweisam ist es heute deutlich einfacher, vorzugsweise “im eigenen Becken zu fischen” – weil die Zielgruppen immer spitzer wurden.
Anna Robbert, Country Managerin DACH bei Meetic, erklärt diese Entwicklung so: “Mit unseren Affinity-Apps wollen wir Singles die Möglichkeit geben, gezielt auf andere Singles zu treffen, die ihren Lifestyle, Lebensabschnitt und die damit einhergehenden Bedürfnisse und Erwartungen teilen und verstehen.” Zum Portfolio des französischen Online-Dating-Dienstes gehören unter anderem Even, eine App für Single-Eltern, Zweisam für Singles ab 50 Jahren und The League, was sich an viel beschäftigte und ambitionierte Singles richtet.
Die Auswahl ist kleiner, sind es die Hürden ebenso?
Es scheint also deutlich einfacher zu sein, wenn Userinnen und User nicht mehr grundlegend aussortieren müssen, wer beispielsweise aufgrund des Alters oder der Lebenssituation überhaupt infrage kommt. Stattdessen treffen die Nutzenden in den Apps auf Verständnis und Gleichgesinnte.
Eine Umfrage in Zusammenarbeit von Even und Appinio aus dem Jahr 2023 zeigt, dass 69 Prozent der befragten Single-Eltern bereits “geghostet” wurden, nachdem sie geteilt hatten, dass sie Eltern sind. “Bei Even ist von Anfang an klar, dass Kinder kein Hindernis, sondern ein Teil des Lebens sind”, erklärt Robbert.
Dank Apps wie Even ist der eigene Lifestyle also kein K.-o.-Kriterium mehr, sondern vielmehr eine Eigenschaft, die verbindet. Das spiegelt auch die DACH-Chefin bei Meetic wider: “Die Singles auf Even wissen es zu schätzen, dass sie nicht erklären müssen, warum sie nur an bestimmten Tagen verfügbar sind oder warum ihre Kinder Priorität haben.”
Ansprache im Marketing aufwendiger und teurer
Zwischenmenschlich gesehen kann es also eine echte Bereicherung sein, Dating-Apps mit spitzer Zielgruppe zu nutzen. Hier steckt die Herausforderung deshalb eher hinter den Kulissen, weil grundsätzlich weniger Userinnen und User überhaupt infrage kommen.
“Das macht das Wachstum und das Marketing herausfordernder als bei Mainstream-Dating-Apps. Dennoch sehen wir, dass die Communities unserer Apps stetig wachsen – gerade, weil wir uns klar positionieren”, sagt Robbert. “Eine klar definierte Zielgruppe bedeutet einen kleineren TAM (Total Addressable Market, Anm. d. Red.) und erfordert eine gezieltere, oft aufwendigere und damit teurere Ansprache im Marketing.”

Community-First-Gedanke stärker als bei Tinder & Co.
Umgekehrt kann man genau das als Stärke von Affinity-Apps sehen. Denn während bei Mainstream-Apps wie Tinder eine extrem große Zielgruppe infrage kommt, kann hier der Community-Gedanken geschärft und genau auf die individuellen Bedürfnisse der Zielgruppe eingegangen werden.
Bei Zweisam kommt außerdem ein entscheidender Faktor hinzu – die Bevölkerung wird immer älter. Die Witt-Studie aus dem Jahr 2024 zeigt, dass rund ein Drittel der Bevölkerung über 50 Jahren Single ist. Dating-Apps mit spezieller Ausrichtung bedienen also längst keine Nische mehr, sondern sind auf bestem Wege, auch im Mainstream anzukommen. Dazu sagt Anna Robbert: “Es geht hier nicht um kleine Randgruppen, sondern um große, bedeutende Teile der Gesellschaft – welche jedoch leider oft nicht die Aufmerksamkeit erhalten, die ihnen zusteht.”